»Liebeserklärung und Waffe zugleich« – Helen Esther Aschauer im Interview zu »TMWYH«

In »TMWYH« zeigt Helen Esther Aschauer den Horror einer eigentlich all­täg­lichen Handlung: des nächt­­lichen Heimwegs einer Frau. Mit fil­mischen Mitteln aus dem Horror­­genre wird die Angst evoziert, die Frauen so oft verspüren. Der Kurz­­film feierte in São Paulo seine Latein­amerika-Premiere, lief gerade bei Queer Lisboa und wird im Oktober in Spanien beim Festival Seminci in Valladolid zu sehen sein. Davor ist er aber schon in der Cinema Next Series kostenfrei als Stream verfügbar. Im Inter­­view erzählt uns die Regisseurin vom titel­­gebenden Schlüssel­satz des Films, der eine »Mischung aus Zuneigung und stillem Anerkennen der Gefahr« darstellt.

© Helen Esther Aschauer — In »TMWYH« wird der Heimweg der Protagonistin Alma zum Horrorfilm.

»TMWYH« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regel­mäßig auf der Streaming­plattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Film­talenten präsentiert.

In deinen eigenen Worten: Worum geht es in »TMWYH«?

Helen Esther Aschauer: Alma geht nach Hause. Eine Handlung so alltäglich, dass sie eigentlich keine Geschichte sein sollte. Und doch: Ein weib­licher Körper, allein, nachts im öffentlichen Raum – das ist kein neutraler Zustand. Der Film folgt dieser Spannung, die sich in die Schultern setzt, die den Schritt be­schleunigt, die in der Tasche nach dem Schlüssel greifen lässt. Er folgt diesem Ritual, das wir alle kennen, und ent­lädt sich langsam in etwas, das sich wie Horror anfühlt. Es geht um diese unsicht­bare Land­karte aus Angst­orten und Vermeidungs­strategien, die wir Frauen internali­siert haben.

Was war der Ausgangspunkt für »TMWYH«? Was hat dich dazu gebracht, dich mit sexueller Belästigung und dem Gefühl von Unsicherheit auf dem nächtlichen Heimweg auseinander­zusetzen?

Der Auslöser war eine bittere Erkenntnis: Ich kannte keine einzige Frau, weder in Portugal, England, Cuba, Österreich oder sonst wo, die nicht schon einmal auf ihrem Heimweg Angst hatte – verfolgt, belästigt, bis hin zur Vergewaltigung. Nicht eine. Und das Schlimmste: Wir be­handeln das als Status quo. Als wäre es normal, dass wir einen Plan B im Kopf haben, den schnelleren Weg, den be­gleiteten Nach­hauseweg. Diese unter­schwelligen Vorwürfe: Hättest halt ein Taxi nehmen sollen; nicht so spät; nicht dieser Rock; nicht die U-Bahn. Warum ist das unsere Verantwortung? Ich wollte diesen Zustand zeigen: Wie Männer sich die Stadt als Jagd­zone aneignen und wir das kollektiv hinnehmen. Die Stadt gehört nachts nicht uns Frauen.

»TMWYH«, also »Text me when you’re home«, ist ein Satz, den viele Frauen kennen. Wie kam es zur Entscheidung für diesen Titel und welche Gedanken wolltest du damit beim Publikum auslösen?

Dieser Satz ist unser Code – quasi Liebes­erklärung und Waffe zugleich. Die ambivalente Wärme des Satzes, diese Mischung aus Zuneigung und stillem Anerkennen der Gefahr, sollte der emotionale Schlüssel zum Film sein. Jede Frau, die ihn hört, weiß sofort, was damit gemeint ist. Sie kennt nicht nur die Worte, sondern die ganze Welt, die hinter ihnen steckt. Die Soli­darität, das stille Ein­verständnis: »Ich weiß, in was für eine Welt du dich begibst, nachdem wir uns verabschiedet haben.« Der Satz enthüllt eine verstörende Wahrheit: dass wir uns gegenseitig absichern müssen, weil das System es nicht tut.

Immer wieder sehen wir in »TMWYH« Aufnahmen von Überwachungs­kameras. Was hat dich an diesem Blick von außen interessiert und warum war es dir wichtig, diese Bilder in den Film einzubauen?

Der Fall Sarah Everard hat mich tief geprägt. Die letzten Bilder von ihr, CCTV-Aufnahmen von einem Bus, pixelig, kalt, distanziert. Sie wurde beobachtet, dokumentiert, und doch konnte niemand eingreifen. Diese Kameras versprechen Sicherheit, aber sie liefern vor allem Beweis­material für Dinge, die bereits geschehen sind. Sie zeigen, was war, nicht, was ver­hindert wurde. Für mich war das die zentrale Metapher des Films: Wir sind umgeben von einem Über­wachungs­apparat, der unsere Welt abbildet, aber uns nicht wirklich sicher macht. Und dann dieser beklemmende Aspekt der Beobachter­position. Als Zu­schauer*in sehen wir Alma durch diese kalte Linse, sind re­gungslos, können nicht eingreifen. Wir werden zu Passant*innen, die zu­sehen, wie eine weitere Frau verschwindet. Dass bei Sarah Everard der Täter ein Polizist war, macht das Ganze noch schlimmer: Die Institu­tionen, die uns schützen sollen, sind Teil des Problems.

Alma bewegt sich im öffentlichen Raum, den Film­bildern werden immer wieder Ausschnitte gegenüber­gestellt, die Auf­nahmen aus Über­wachungs­kameras ähneln …
… und den Zuschauer*innen jene Angst vermitteln, die für Frauen auf ihrem Heimweg oft all­täglich ist. (Filmstills aus »TMWYH« © Helen Esther Aschauer)

Auch mittels Farben, Kameraeinstellungen und dem, was wir nicht sehen, erzeugst du große Beklemmung. Wie hast du die visuelle Sprache des Films entwickelt?

Ich wollte Horror mit einem unsichtbaren Monster. Die Beklemmung entsteht durch das, was außer­halb des Bildes lauert – das Un­gewisse. Es ist ein Spiel mit Realität und Einbildung. Die visu­elle Sprache folgt der Logik des weiblichen Heimwegs: Nicht die Bedrohung selbst ist zentral, sondern die potenzielle Bedrohung. Es ist ein Kino der Imagination. Diese Sprache haben wir sehr bewusst entwickelt. Mit Fabio Mota, meinem Director of Photography, haben wir in der Vorbereitung viele Tage damit verbracht, jeden ge­planten Shot zu analysieren und seine Bedeutung herauszufinden. Wir waren mehrmals an den ver­schiedenen Locations, haben experimentiert, getestet, um diese Paranoia einfangen zu können, die im Film spürbar sein soll. Die finale Sprache wurde dann auch im Edit mit Stefan Pecher und Stella Schäfer gefunden. Da ging es vor allem um Rhythmus und darum, wann genau ein Schnitt ge­setzt wird, um diese Beklemmung wirklich zu erreichen. Stefan hat ein außer­ordentliches Gespür für Schnitt und den Subtext, den er damit kreieren kann, er hat den Film wirklich auf die nächste Ebene gebracht.

Am Ende verlässt der Film Alma und wir begleiten eine andere Frau, die ihr auf dem Heimweg begegnet. Was ver­ändert dieser Perspektiv­wechsel für dich an der Geschichte und warum war es dir wichtig, Almas Erfahrung auf diese Weise weiterzuführen?

Der Perspektivwechsel kam durch einen konkreten Anlass: der Fall Gisèle Pelicot, der mich – kurz vor unserem Dreh – komplett er­schüttert hat. Der Ge­danke, dass der Täter uns so nah sein kann, nicht der Fremde auf der Straße, sondern der vertraute Mensch neben uns, hat mich absolut entsetzt. Ich wusste, ich muss mein Ende anpassen und es »intimer« machen. Der Wechsel zur nächsten Frau verhindert, dass Almas Situation als Einzel­schicksal wahr­genommen wird. Ihre Er­fahrung ist nicht individuell, sie ist kollektiv. Die nächste Frau ist nicht eine andere Geschichte, sie ist dieselbe, fortgesetzt.

Der Film wurde mittlerweile unter anderem in Tampere, bei der Cinema Next Tour und beim São Paulo International Short Film Festival gezeigt. Gerade lief er auch bei Queer Lisboa. Wie er­lebst du die unter­schiedlichen Reaktionen auf den Film in so unter­schiedlichen Kontexten und Ländern?

Es ist eine wunderschöne Erfahrung, mit diesem Film zu reisen. Denn es zeigt sich dabei, wie uni­versell die Fragen sind, die er stellt. Die In­tensität und der Fokus sind überall anders. In Finn­land etwa war ich positiv überrascht: Viele Männer kamen auf mich zu und fragten, wie sie ihr Verhalten anpassen können, was sie tun können, wie sie helfen können. Die Dis­kussion mit dem Publikum ging vierzig Minuten lang und war sehr konstruktiv, ehrlich und offen. Besonders berührend ist das Feedback zu Thea Ehre. Ich be­komme sehr viel positives Echo aus der Trans-Community, weil ich Thea einfach als Frau gecastet habe. Ich muss zugeben: Das war keine politische Entscheidung, kein Statement, ich brauchte eine weibliche Haupt­darstellerin, und sie war einfach perfekt. Dass das so ge­feiert wird, macht mich sehr glücklich. Auch das Festival Seminci hat den Film kürzlich in seine Official Selection aufgenommen. Mir wurde mitgeteilt, dass das eine bewusste Entscheidung war, weil auch in Spanien männliche Gewalt gegen Frauen derzeit besonders intensiv gesell­schaft­lich disku­tiert wird.

Deine Arbeiten beschäftigen sich immer wieder mit Identität, Resilienz und gesell­schaft­lichen Fragen. Was ver­bindet »TMWYH« mit deinem bis­herigen Werk?

Ich glaube, alle meine Filme stellen Fragen. »TMWYH« ist neben »Tem Fé« vielleicht der direkteste, er bringt das Thema auf seine radikal reduzierte Essenz: einen Körper, der sich bewegt, und eine Gesellschaft, die diesen Körper gefährdet. Resilienz interessiert mich nicht als individuelle Eigenschaft, sondern als kollektive Notwendigkeit. Wir sind als Frauen resilient, weil wir es sein müssen. Meine kubanisch-österreichische Herkunft und die kulturelle Zwie­spältigkeit, in der ich als Kind auf­ge­wachsen bin, haben mich sehr in meinem Schaffen beeinflusst, auch schon als Tänzerin und Choreografin. In Kuba war ich die Yuma, das ist Slang für »privilegierte Ausländerin«, und in Österreich kam immer die Frage: »Aber wo sind deine Wurzeln?« Ich sehe es als großes Privileg, so auf­ge­wachsen zu sein. Aber ich glaube auch, dass in mir viel generations­übergreifendes Erbe steckt sowie die ewige Suche nach Identität und danach, was es bedeutet, eine Frau in unter­schiedlichen Kulturen zu sein.

Abschließend: Woran arbeitest du gerade und gibt es bereits Projekte von dir, auf die wir uns in nächster Zeit freuen dürfen?

Ich entwickle gerade meinen ersten Langfilm, ein sehr persönliches Projekt: einen sozial­realistischen Film mit fantastischen Elementen, der meine kubanischen Wurzeln sowie Santería (eine synkretistische, afroamerikanische Religion in Kuba; Anm. d. Red.) aufgreift und erforscht, wie weib­liche migrantische Körper in einem europäischen System funktionieren müssen, wie sie navigieren, überleben, sich an­passen und gleichzeitig ihre Eigen­ständigkeit bewahren. Ich habe das große Glück, auch dies­mal Lena Kersch­baum­mayr als Produzentin und Freundin an meiner Seite zu haben sowie eine tolle Produktionsfirma, die an das Projekt glaubt und uns unterstützt.

Helen Esther Aschauer ist eine kubanisch-österreichische Filme­macherin. Nach einer prägenden Zeit als professionelle Tänzerin in London und Österreich wechselte sie zum Film. Sie ar­beitet seither an einer eigenen, körperlich geprägten filmischen Sprache. Ihr erster fiktionaler Kurzfilm »TMWYH« wurde beim Tampere Film Festival in Finnland mit dem Audience Award ausgezeichnet, feierte in São Paulo seine Latein­amerika-Premiere und lief Ende September bei Queer Lisboa. Im Okto­ber wird er beim Festival Seminci in Spanien gezeigt. Aktuell arbeitet Aschauer an ihrem ersten Langfilm.

Eine Interviewreihe in Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria.

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